18.11.2020 | mona kino

„Was tun, wenn mir der Kragen platzt…?“ – Anmerkungen zum Reden über Corona

Das Thema beschäftigt mich seit Tagen: „Was mache ich, wenn ich, verdammt nochmal, denen nicht mehr mit Empathie zuhören kann, die mich geradezu auf die Palme bringen mit ihrer Wut und ihrer Kritik – mir aber Empathie doch so wichtig ist?“ Denn darum geht es, wenn ich momentan mit anderen Eltern zusammenkomme, die meine Haltung zur Corona-Krise nicht teilen: vor der Schule, nach der Schule, auf der Straße und am Telefon. Ich höre „nichts als Gemecker und Gejammer“ über die Corona-Maßnahmen (ja, ich weiß, auch in dieser Bewertung steckt Meckern meinerseits). Jemandem, der meine Haltung nicht teilt, geht es ja vielleicht umgekehrt ganz ähnlich…

Wenn ich sage, dass ich vieles zwar auch nicht verstehe, aber die Republik und meine Freiheit nicht in Gefahr sehe, dann geht es erst richtig los. Dann jagt nämlich ein Argument das nächste – und das kenne ich gut von anderen Diskussionen, wie solchen, in denen ich davon erzählte, keinen Alkohol mehr zu trinken, vegetarisch zu essen – oder umgekehrt: „Wie bitte, Du isst noch Fleisch?“ „Was, Du trinkst und rauchst?” Schon geht der jeweilige Überzeugungskanon los – auch im engsten Freundeskreis. Nur: Keine/r interessiert sich für meine Beweggründe. Auch dann nicht, wenn ich der ersten Runde Empörung empathisch zugehört hatte. Ja, auch hier ist eine Prise Beleidigtsein mit drin, ganz nach dem Motto: „Menno, ich habe mich angestrengt, so nett mit euch zu sein, so verständnisvoll, wo ist jetzt bitte schön das Dankeschön?“

Wie letztens, als mir einer der Väter vor der Schule dann im Verlauf seiner Überzeugungsarbeit erzählte, er hätte wegen dem ganzen Wahnsinn, der in Deutschland vor sich gehe, einem Journalisten zehn Euro für ein Buch einer christlichen Organisation gespendet, das darlegt, wie wir unsere Kinder vor linken, radikalen Ideologen schützen können. Denn eine Kita hatte ein homosexuelles Pärchen darüber sprechen lassen, dass es okay ist, wenn Männer Männer lieben und Frauen Frauen. Unser Schlagabtausch begann ganz spontan: „So what? Davon wird doch kein Kind homosexuell?“ Er entgegnete: „Und wenn doch?“ Ich wiederholte: „So what?“ Er sagte, er befürchte, dass dann die Menschheit aussterbe.

In diesem Moment bekam ich Schnappatmung, verkniff mir aber mit meinen ersten Impuls zu kontern: „Dann stirbt die Menschheit aus? Was ist bitte mit dem Klimawandel? Oder den Spätfolgen von legalen Drogen, ähm, Entschuldigung, Rauschmitteln?“ Stattdessen versuchte ich es sachlich. Ich hatte den Namen des genannten Journalisten schon einmal gehört und fragte den Vater, ob er wisse, dass er für sehr rechte und radikale Inhalte stehe? „Nun ja, da machst du es dir aber einfach. Nicht alles, was konservativ ist, ist automatisch rechts- oder rechtsextrem.“ Also, wenn mir einer sagt, ich würde es mir einfach machen, komme ich nach einem weiteren Schnappatmungsmoment aber so richtig in Fahrt. Dann fällt es mir wirklich mehr als schwer, nicht auszuflippen. Und gleichzeitig frage ich mich, warum ich denn um Himmels Willen, noch immer nicht, über den Dingen stehen kann?

Was tun? Sortieren. Einmal nach Innen „einchecken“. Empathisch sein bedeutet ja gerade nicht, immer nett und freundlich zu sein oder gleichbedeutend ist mit Gefühllosigkeit oder Gleichgültigkeit (auch wenn das oft so unterstellt wird). Im Gegenteil. Es geht eher um einen empathischen Umgang mit den eigenen Gefühlen und denen des Gegenübers. Im Idealfall bin ich dann mit 60 Prozent meiner Achtsamkeit bei mir und mit 40 Prozent meiner Achtsamkeit beim Anderen. Das bedeutet, je besser ich mich kenne, desto differenzierter kann ich meine Gefühle und meine damit zusammenhängenden Gedanken wahrnehmen. So wie jetzt. Und dann kann ich entscheiden, ob ich ein solches Gespräch fortsetzen will – oder nicht. Denn auch ein Nein ist völlig ok – und keineswegs unempathisch.

In diesem Fall aber wollte ich nicht aufhören. Und ich erinnerte mich an an eine Liste, die ich tatsächlich für solche Fälle in meinen Notizen auf dem Handy immer dabei habe, wenn ich fast 100 Prozent bei meinem Gegenüber oder fast zu 100 Prozent bei mir und meinen aufkochenden Emotionen bin. In dieser Notiz stehen „nicht defensive Antworten“, die mir Zeit verschaffen. Wenn ich zum Beispiel sage: „Das ist interessant, darüber muss ich mal nachdenken“ (statt „tickst du noch ganz richtig!?”, dann muss der Andere nämlich auch erst einmal keine weiteren Argumente nachschießen, sondern kann im Zweifelsfall genauso zur Ruhe kommen, wie ich. Zweitens kann ich dann wieder besser atmen, was dazu führt, dass ich, drittens, wieder besser denken kann, und dass sich, viertens, mein Puls, sprich Herzschlag, beruhigt.

Mit klarem Kopf konnte ich mir das aus seiner Aussage herauspicken, dem ich gut zustimmen konnte. Und das war: „Du hast völlig Recht, konservativ und rechtsextem in einen Topf zu werfen, ist zu einfach.“ Ich fügte hinzu: „Das, was mir in dem Buch dargelegt werden soll, stimmt nur nicht mit meinem humanistischen Weltbild überein. Ich sehe die Welt als Freund und nicht als Feind. Es gibt Konservative, die diese humanistischen Werte mit mir teilen, und Konservative, die das nicht tun. Die können dann auch ganz weit links oder fundamentalistisch sein – aber sie sehen alles als Gefahr, was anders ist als sie. Und verbreiten Angst und Panik, wenn sich in ein oder in drei Kindergärten in Deutschland zum Thema Homosexualität auseinander setzen.“ Und ich bekam als Antwort: „Das ist wirklich interessant, so habe ich das noch nicht gesehen.“

Natürlich gibt es Leute, die dann nicht so schnell einlenken. Aber auch zu jedem späteren Zeitpunkt gilt: Wenn ich nicht mehr zuhören kann, weil der andere aggressiv ist oder wird, kann ich aufhören. „Mich interessiert, was Dich so wütend macht, aber jetzt kann nicht mehr gut zuhören, lass uns später weiter darüber sprechen.“

Und in einem völlig hoffnungslosen Fall? Den gibt es wirklich, wirklich selten. Denn alle Menschen wollen ja gern gesehen und gehört werden und wertvoll füreinander sein. Oder in den Worten von Gregory McKeown: „Das wichtigste menschliche Bedürfnis ist es, verstanden zu werden und als der Mensch gesehen zu werden, der man ist. Wenn Menschen wütend sind, höre mit Empathie zu. Wenn Menschen kritisch sind, höre mit Empathie zu. Wenn Menschen Schmerzen haben, höre mit Empathie zu.“

Das wiederum gilt natürlich auch mir gegenüber. So hat mich mein anfängliches Beleidigtsein in Corona-Diskussionen daran erinnert, dass ich nicht nur meine Meinung zu dem Thema sagen wollte, sondern dass ich auch gehört und gesehen werden wollte. Es fällt mir schwer, mir einzugestehen, dass es meinem Gegenüber manchmal gar nicht darum geht, sich mit mir auszutauschen, sondern bestärkt zu werden.

Was heißt das für die Zukunft? Augen auf bei der Diskussionswahl. Und mich selbst fragen, kurz und knackig: „Hast Du noch Zeit und Lust?“ Und „Ist es okay, wenn die anderen, Deinen anderen Standpunkt nicht hören wollen oder können, weil die Gemüter viel zu erhitzt sind?“ Dann kann ich entscheiden, ob und wie ich dieses Gespräch führen will.

Und hier für Euch: Ein paar Ideen von nicht defensiven Antworten und Fragen aus meinen Notizen. Vielleicht passt ja die eine oder andere für euch.

„Wirklich?“
„Was meinen Sie damit?“
„Vielleicht haben Sie Recht.“
„Das könnte sein.“
„Ich verstehe.“
„Das ist interessant.“
„Darüber muss ich noch nachdenken.“
„Das ist Ihre Entscheidung.“
„Ich bin sicher, dass Sie das so sehen.“
„Sie haben ein Recht auf Ihre Meinung.“
„Ich sehe, dass Sie verärgert sind. Was macht Sie so wütend?“
„Das ist für mich nicht verhandelbar.“
„Was erhoffen Sie sich davon, mir das zu erzählen?“
„Es tut mir leid, dass Sie das nicht gutheißen.“

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Mona Kino
Drehbuchautorin, Familientherapeutin und Supervisorin
Vermittlungs- und Presseteam bei Empathie macht Schule

Titelphoto: privat.


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