15. April 2022 | empathie macht schule

Der Jesper in meinem Kopf – oder Wie ich mich selbst finde

Am 18. April wäre Jesper Juuls Geburtstag. Der Familientherapeut, dessen Gedanken, Werte und Handlungen das Schulprojekt von Helle Jensen prägen. Und der im Juli 2019 gestorben ist. Mehr als 20 Jahre hat er mich begleitet, bzw., habe ich ihn verfolgt, in seinen Artikeln, Büchern, Vorträgen, Seminaren und Ausbildungen. Schon vor seinem Tod habe ich oft an seine Worte gedacht und an die vielen Momente, in denen ich ihn erleben durfte. Ich vermisse ihn und in fast jeder Beratung, jeder Fortbildung und Supervision fällt mir ein Satz von ihm ein, wie:

  • „Es gibt keine Probleme, es gibt nur Tatsachen.“
  • „Kinder brauchen keine Grenzen, sie brauchen Erwachsene, die sich abgrenzen.“
  • „Menschen neigen dazu, die Lautstärke aufzudrehen, wenn sie nicht gehört werden.“
  • „Bei Erziehung fühlt sich das Kind falsch, bei Begleitung fühlt sich das Kind in Beziehung.“
  • „Man kann seine Kinder genießen, auch wenn sie nicht perfekt sind.“

Auf der Suche nach dem, was ich aufschreiben möchte, finde ich in meinen Notizen diesen Satz, der für mich eine schöne Überleitung ist.

  • „Beratung ist ein bisschen, wie Chirurg sein. Nervös sein gehört dazu, weil für den Klienten das Gespräch sehr wichtig ist.“

Ich begleite ein Mädchen, die in der Schule Panikattacken bekommt. Sie ist schlau und gut in der Schule. Immer wenn sie aufgerufen wird, eine Frage beantworten soll, eine Aufgabe zugeteilt bekommt, geht es los: Herzrasen, zitternde und schwitzige Hände, Atemnot. Viele Ressourcen haben wir erarbeitet, sie weiß sich inzwischen zu helfen, aber die Panik bleibt unverändert. Ich komme nicht weiter. 

Meist fallen mir irgendwann im Verlauf eines Dialogs in meiner Arbeit Sätze von Jesper ein, die für den Prozess gerade passend sind und die das Gespräch voran bringen. Aber manchmal bin ich hilflos, ratlos und unsicher, was ich unterstützend sagen und fragen kann. In diesen Augenblicken gelingt es mir nicht, einen Zugang zu mir zu finden und dazu, wie ich mich fühle, was ich wahrnehme und beobachte. „Jesper, Hilfe!“ rufe ich dann innerlich und frage mich:„Was würde Jesper jetzt wohl sagen?“

In der letzten Woche war das Mädchen wieder bei mir. Ich weiß immer noch nicht weiter und sie auch nicht. Wir sprechen darüber, wie es sich anfühlt, nicht mehr weiter zu wissen. Etwas, was oft hilft, mich transparent zu machen. Und trotzdem: ich komme aus dieser Ratlosigkeit nicht heraus und sie auch nicht. Dann höre ich mich wieder innerlich rufen „Jespeeer! Was würdest Du jetzt tun? Was würdest Du jetzt sagen? Zu ihr – zu mir?“ Ich merke, wie ich unruhig werde. Ich will ihr doch helfen!“ Dann ist da Jespers Bild in meinem Kopf, wie er ruhig, mit gesenktem Kopf, geschlossenen Augen, lauschend da sitzt. Abwartend. Und wie er ganz plötzlich, mit einem tiefen Atemzug den Kopf hebt und zu mir den einen Satz sagt, den er oft zu mir gesagt hat: „Du sollst nicht werden und reden wie ich. Du sollst Du werden! Leih Dir gern meine Worte, aber werde Du!“ „Ja“, denke ich, „aber wie soll das jetzt gerade gehen, wo ich sofort etwas anbieten muss und keine Zeit habe?“ Ich sehe das Mädchen an. Sie knibbelt an ihren Händen, schaut auf den Boden, ist fast verschwunden. Ich will sie fragen, wo sie gerade mit ihren Gedanken ist und halte inne, frage mich zuerst selbst, wo ich gerade mit meinen Gedanken bin? 

Ich sehe mich um. Ich bin in meinem Raum zusammen mit diesem Mädchen. Ich weiß nicht, ob es blöd oder nützlich ist, ihr davon zu erzählen und dass ich spüre, wie ich an meinen Händen knibbele. Ich probiere es aus: „Ich will so gern hilfreich für Dich sein und merke, dass ich unsicher bin, weil es mir nicht gelingt. Meine Hände werden ganz schwitzig.“ Und dann erzähle ich ihr von dem Satz von Jesper in meinen Gedanken gerade eben: „Du sollst Du werden!“ Sie schaut mich an und wird traurig: „Ja, genauso ist es. Ich finde mich dann nicht mehr, wenn ich eine Frage gestellt bekomme und dann bekomme ich Panik.“ Wir unterhalten uns darüber, wie es ist, sich zu verlieren und nicht zu finden, was ich dann mache und was sie macht. Als wir uns eine Weile ausgetauscht haben, sagt sie, dass es jetzt gerade auszuhalten ist, diese Panikattacken zu bekommen. „Ich weiß ja, irgendwann danach finde ich mich wieder. Das ist ok!“ Und während sie das sagt, merke ich, dass ich mich auch wieder gefunden habe.

P.S. „Selbstgefühl bedeutet nicht, dass Du Dich immer wunderbar fühlst, sondern dass Du weißt, wie Du mit Dir umgehen kannst, wenn es mal nicht so ist.“ (Noch ein Zitat von Jesper Juul aus meinen Notizen in einer seiner Fortbildungen;) )

Corinna Simpson
Kinesiologin, Montessori-Pädagogin und Familientherapeutin Vermittlungsteam von Empathie macht Schule


Titelillustration:Rebecca Hinzmann