4.12.2020 | corinna simpson

„Er soll vielleicht zum Kinderpsychologen…“

Vor kurzem hat mich eine Anfrage einer Mutter erreicht: „Mein Kind geht seit vier Monaten in die Schule. Jeden Morgen an der Schultür weint er, dass ich ihn nicht in die Klasse bringe. Die Lehrerin holt ihn neuerdings an der Tür ab. Nun geht es etwas besser. Aber mir wurde gesagt, er sollte vielleicht zu einem Kinderpsychologen. Deshalb wende ich mich an Sie.“

Die Bedingungen und Anforderungen sind für manche Erstklässlerinnen und Erstklässler ja sowieso schon nicht leicht. Sich allein in einer großen Schule zurecht zu finden, neue Regeln, neue Menschen und Arbeitsblätter sind Herausfoderung genug für manch ein fünf- oder sechsjähriges Kind. Fünf oder sechs Jahre auf dieser Welt, das ist noch nicht so lange und dennoch wird viel erwartet. Diese Herausfoderungen in der ersten Zeit der ersten Klasse sorgen bei einigen Schulanfängern dafür, dass sie wieder Mittagsschlaf brauchen. Ich kenne viele Kinder, die sehr müde sind, wenn sie nach Hause kommen.

Nun haben wir zusätzlich noch die Corona-Einschränkungen. Das erwähnte Kind hatte keine Einschulungsfeier. Ja, sie wurden alle freundlich begrüßt, als Klasse in Empfang genommen, aber keine Feier. Kein Willkommen.

„Ab jetzt gehst Du allein“, hieß es in der Schule. „Aber das kann ich noch nicht, ich finde mich noch nicht zurecht, ich traue mich nicht – was ist, wenn ich den Weg nicht finde?“ wollte das Kind sagen, aber es gab gar keinen Platz dafür. „Ihr seid jetzt groß“, hieß es.

Aufgrund der Corona-Einschränkungen gab es die Regel in dieser Schule, dass die Kinder ab der Schultür allein gehen. In den ersten Tagen würde die Lehrerin alle Kinder noch vorn abholen. Im Laufe der Zeit müssten sie dann aber allein zur Klasse gehen.

Es tut mir leid, dass Kinder traurig in ihre Schulzeit starten müssen. Vielleicht sind andere Kinder auch traurig oder unsicher, weil sie von jemandem geärgert werden oder die Hausaufgaben vergessen haben. Was wäre, wenn die Klassenlehrerin sich Zeit nehmen könnte für ein kurzes Gespräch mit der ganzen Klasse? Jeden Tag, so eine Art Wetterbericht: „Wie fühlt Ihr Euch heute?“ Vielleicht entdeckt dann das Kind, das an der Schultür weint, dass es mit seinen Gefühlen nicht allein ist – und die Kinder stärken sich gegenseitig. Vielleicht findet die Lehrerin dann heraus, was die Kinder brauchen, um gut in der Schule ankommen zu können und leichter da sein zu können? Vielleicht hilft es allen. Auch der irritierten Mutter, die diese Anfrage an mich richtet, und nicht mehr sicher ist, ob Ihr Kind vielleicht doch ein Problemkind ist.

Vielleicht hilft es nicht und er weint morgens dennoch. Vielleicht ist es auch nicht wichtig, dass der Junge aufhört zu weinen, sondern viel wichtiger, dass wir ihn in seiner Unsicherheit und Trauer ernst nehmen, dass er so sein darf, wie er eben ist. Ich bin sicher, er braucht keinen Kinderpsychologen, aber er braucht unbedingt freundliche Begleitung und die Sicherheit, dass er in Ordnung ist!

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Corinna Simpson
Kinesiologin, Montessori-Pädagogin und Familientherapeutin
Vermittlungsteam von Empathie macht Schule

Titelphoto „Guntersblum-Carl-Küstner-Grundschule- von Schulhof aus 26.1.2009.jpg“ von Wikimedia-User Jivee Blau, lizensiert unter CC BY-SA 3.0.


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