16.06.2021 | helle jensen

Großeltern in der Corona-Zeit

Endlich sind die Kinder wieder in der Schule, auch hier in Dänemark. Seit Dezember war ich oft dabei, wenn meine Enkelkinder vor dem Bildschirm mit ihren Aufgaben gekämpft haben – sechs Kinder und Jugendliche in drei Schulen, 4., 5., 6. und 7. Klasse und zwei im Gymnasium. Ich habe gesehen, wie sie langsam ihre Energie verloren haben, weil es einfach so viel schwieriger ist, sich auf den Unterricht konzentrieren zu müssen, wenn er online stattfindet.

Ich habe viele erfinderische und kreative Lehrer gesehen, die wirklich große Anstrengungen unternommen haben, um das Lernen und Wohlbefinden der Kinder auf Distanz zu gewährleisten, aber ich habe gleichzeitig gesehen, wie die Kinder auf verschiedene Weise darauf hingewiesen haben, dass es trotzdem nahezu unerträglich war.

Auch wenn sie jetzt wieder in die Schule gehen, ist es wichtig, für das Wohlergehen und das Wohlbefinden der Kinder im Alltag zu sorgen. Dies bedeutet, dass wir uns mindestens genauso darauf konzentrieren müssen, wer die Kinder sind und wie sie sich fühlen, wie darauf, was sie leisten können. Die Kinder haben ja die Schwierigkeiten und Veränderungen des letzten Jahres genauso mitbekommen wie wir. Sie mussten sich anpassen und viele neue Dinge lernen. Auch sie fühlten sich resigniert, hatten wenig Energie und Angst um die Gegenwart und die Zukunft.

Wir alle sollten mit den Kindern darüber sprechen, wie diese Zeit für sie war und ist. Hier können wir als Großeltern mithelfen, Platz zu schaffen für das, womit die Kinder sonst oft alleine sind. Wir können zuhören und uns Zeit lassen. Obwohl viele Großeltern wie ich noch arbeiten, hat die Corona-Krise dennoch dazu geführt, dass viele Aktivitäten eingeschränkt wurden – und es gibt Zeit und Ruhe und auch die Möglichkeit, Momente mit den Enkeln zu haben, in denen wir wirklich Interesse und Empathie für ihre Welt haben können. Wir brauchen keine schnellen Lösungen zu finden, und wir können üben, noch besser zuzuhören und Einblick in ihre Welt, ihren Alltag zu gewinnen.

Für mich kann ich sagen, das ich nicht nur Vertrauen und Nähe erlebt habe, sondern auch viel gelernt – über mittelalterliche Ritter und alte Schlachten, über Schweinerassen, die sich als Outdoor-Haustiere eignen, darüber, wie man Videos mit Action macht und vieles mehr.

Wir können dazu beitragen, Raum für einen Alltag zu schaffen, der Lebensfreude und Energie bringen kann. Denn gerade Lebensfreude, Kreativität und Energie sind die Grundlage dafür, dass wir und die Kinder die Lebenskompetenzen erwerben können, die unsere Gesellschaft heute mehr denn je braucht.

portrait helle jensen

Helle Jensen
Psychologin, Familientherapeutin, Lehrtherapeutin und Großmutter von sechs Kindern und Jugendlichen
Projektleiterin von Empathie macht Schule

Titelphoto: privat.


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