30. April 2020 | empathie macht schule

Gut anfangen – für Fachkräfte

Für einige fängt die Schule wieder an, und es ist eine Freude zu sehen, wie die Kinder sich darauf freuen, ihre Freunde und die anderen Erwachsenen wiederzusehen. 

Die Kinder haben diese Zeit ganz unterschiedlich erlebt. Einige Familien haben die Ausnahmesituation genutzt, um in die Natur hinauszugehen, Dinge zusammen zu machen, Spiele zu spielen, zu kochen, Handarbeiten zu machen oder alte Dinge aufzuräumen – und doch haben die Kinder ihr alltägliches Leben mit den Freunden vermisst.

Andere Familien standen unter maximalem Druck, weil es schwierig war, Arbeiten und Schule zuhause unter einen Hut zu bekommen – und keine überschüssige Kraft vorhanden war, um mit dieser unvorhergesehenen und völlig unbekannten Situation gut umzugehen. Manche dieser Kinder haben besonders gelitten, weil Alkoholkonsum und häusliche Gewalt zugenommen haben und sie nicht nur ihre Freunde vermisst, sondern auch Stabillität und Sicherheit in ihrem Leben schmerzlich entbehrt haben.

Es ist also eine vielfältige Gruppe, die bald wieder in der Schule zusammentrifft. Während die Fachkräfte strenge Hygieneanforderungen einhalten und über einen großen Einfallsreichtum verfügen müssen, damit der Alltag praktisch überhaupt funktioniert, müssen sie doch auch dem psychischen Wohlbefinden der Kinder besondere Aufmerksamkeit widmen. Das erfordert Empathie und Mitgefühl und die Fähigkeit, beides mit voller Präsenz in der Gegenwart auszudrücken. Wir sind alle mit der Fähigkeit zu Empathie geboren – deshalb kann sie von uns allen wiederentdeckt und durch regelmäßiges Training weiterentwickelt werden. Diese Fähigkeit arbeitet in verschiedene Richtungen: Sowohl äußerlich in Bezug auf andere Menschen als auch innerlich als Selbstpflege und als Wahrnehmen der eigenen Grenzen und Ressourcen. Hier sind einige Ideen, wie: 

1. Ein ruhiger Moment, vielleicht nur fünf Minuten Ruhe am Morgen, in denen du dich auf den Atem konzentrierst, oder am Nachmittag, in denen du dich mit Aufmerksamkeit bewegst oder ganz still sitzt und nichts tust.

2. Mit den Kindern in der Schule oder zu Hause – und am besten draußen in der Natur, wo es einfacher ist, Abstand zu halten und frische Luft zu schnappen: Stellt, setzt oder legt euch für einen Moment hin und spürt die Luft, das Licht, die Geräusche und den Boden unter die Füßen oder dem Körper. Oder lass die Kinder ihren eigenen Platz in der Natur finden, wo sie sich entspannen und gleichzeitig sie selbst sein können – und die Natur um sich herum fühlen.

Lass die Kinder fühlen, dass wir alle Teil einer Gemeinschaft sind, nicht nur miteinander, sondern auch mit der Natur: Die Bäume und Pflanzen ,,atmen“ auch – und das Kohlendioxid, das wir ausatmen, verwandeln sie in Sauerstoff, der für unser Leben notwendig ist. Es ist gut zu wissen, dass wir nicht ohne einander leben können.

3. Nimm dir Zeit, mit den Kindern darüber zu sprechen, wie sie sich fühlen, was sich geändert hat. Was haben sie über sich und ihr Leben herausgefunden? Ich habe viele Kinder sagen hören: „Wir müssen die Hände gut waschen, Abstand halten und sehr gut aufeinander achten.“ Was denken Kinder darüber? Höre die Gedanken der Kinder und teile deine Gedanken mit ihnen. Dadurch entwickelt sich Empathie und Fürsorge für andere und für sich selbst. Die Kinder brauchen einen Raum, in dem sowohl das Schwierige als auch das Leichte gleichzeitig sein kann – ohne Wertung. Wo wir uns und unsere Emotionen fühlen können, ohne uns davon steuern zu lassen. Es ist eine Kunst, diese widersprüchlichen Gefühle gleichzeitig zu halten – eine Kunst, an der die Kinder lebenslang Freude haben können.


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Am 6.5. habe ich in der Reihe „Online-Achtsamkeitspraxis für Pädagog*innen“ des AVE-Instituts eine Sitzung zum Thema „Beziehung und Schulbeginn nach Corona“ geleitet.

Das Video kann man sich hier ansehen: LINK

portrait helle jensen

Helle Jensen
Psychologin, Familientherapeutin, Lehrtherapeutin
Initiatorin und Projektleiterin von Empathie macht Schule

Titelbild „Junge im Wald“/Public Domain