18.09.2020 | kristina schramm

„Hilfe, mein Kind hustet…“ – vom schwierigen Umgang mit Verantwortung

Ich sitze am Schreibtisch und versuche zu arbeiten. Aus dem Nebenzimmer hustet es. Wirklich? Oder kam es aus der Nachbarwohnung? Nein, schon wieder. Verdammt. Ich arbeite oft zu Hause und kann es besser, wenn kein anderer da ist. Damit hatte ich in den letzten Monaten schlechte Karten. Und jetzt – nach Schulschließungen, Hitzefrei-Phase und Krankheit meiner Tochter ist mein Sohn zu Hause, auch mit Erkältungssymptomen.

Eigentlich ist alles klar: Jetzt kommen wieder viele Kinder zusammen. Die ganz normale „Erkältungsviren-Herden-Immunität“ hat im letzten Halbjahr gelitten und will aufgefrischt werden. Erst erwischt es das eine Kind (nach langem Überlegen hatten wir doch einen Test veranlasst – negativ) und dann ist eben das andere dran. Eigentlich keine große Sache.

Wieder Husten. Mehr und öfter. Ist der Husten „trocken“ (Corona-Symptom)? Oder nicht trocken (kein Corona-Symptom)? „Auswurf“ oder „kein Auswurf“? Was „wirft“ er noch „aus“? Sind die alles entscheidenden Viren dabei? Bestimmt hat er sich bei seiner Schwester angesteckt. Aber sie hat nicht so gehustet, nicht schon am dritten Tag. Doch wieder ein Test? Und/oder ein paar Tage länger zu Hause? Wo könnte er sich sonst noch angesteckt haben? In der Schule vermutlich nicht, denn dann wären wir bestimmt schon informiert. Das Volleyballturnier war vorgestern und kommt als aktuelle Infektionsquelle nicht in Frage.

Meinem Sohn geht es heute schon viel besser, um ihn mache ich mir keine Sorgen. Aber was ist mit der Verantwortung für die Gesellschaft? Mit der für meine Klient*innen? Für die Schule? Für Risikogruppen in unserer unmittelbaren Umgebung und in der ganzen Welt? Ich hänge in Grübelschleifen fest und komme nicht weiter. Aus dem Nebenzimmer höre ich schon wieder Hustengeräusche. Ich muss etwas tun.

Ich tippe eine SMS an einen befreundeten Arzt. Ich nehme an, dass er von solcherlei Nachrichten überhäuft wird. Trotzdem schreibe ich; denn er hat sicherlich aktuelle Fachinformationen, die mir nicht zur Verfügung stehen. Ich bin besonders nett und bekomme später eine nicht so nette Antwort – und weiß nicht mehr als zuvor. Ich merke, wie der Boden unter meinen Füßen anfängt zu wanken. Kaum spürbar an der Oberfläche, aber in mir ist viel los.

Was jetzt? Reden tut mir gut. Dabei wird mir klar: Meine „Mutterverantwortung“ für ein krankes Kind kann ich sicher tragen. Das weiß ich von mir. Jetzt kommt die Verantwortung für die Gesellschaft dazu. Covid-19 ist neu, heimtückisch und potentiell gefährlich. Meine normalen Handlungsmuster für „Mein Kind ist wieder gesund und kann zur Schule gehen“ gelten nicht mehr. Ich will alles richtig machen und niemanden gefährden. Hundertprozentige Sicherheit gibt nur ein Test. Das könnte also verantwortungsvoll sein. Aber jede kleine Restunsicherheit testen zu lassen, beansprucht vielleicht unnötig Testkapazitäten und fühlt sich auch nicht verantwortungsbewusst an.

Wenn ich ins Zweifeln komme, beschaffe ich mir Informationen. Ich habe die Idee, dass ich dann eine bessere Entscheidung treffen kann. Das habe ich in der letzten Woche bei der Erkrankung meiner Tochter auch gemacht. Ein Klick und noch einer, die Corona-Hotline… Kurz bevor ich beginne, mit den zur Verfügung stehenden Zahlen Wahrscheinlichkeiten auszurechnen, stoppe ich mich. Argumente für jede Richtung gehen niemals aus. Wenn ich nicht aufpasse, bin ich noch lange damit beschäftigt, weiß immer mehr und doch auch nichts.

Ich will es richtig machen. Richtig richtig. Ich will verantwortungsvoll entscheiden. Richtig verantwortungsvoll. Aber ich weiß es nicht und ich kann es nicht wissen. Auch wenn ich noch mehr Detailwissen anhäufe. Also Stopp!

Ich mache etwas anderes. Raus aus dieser verfahrenen Gedankensituation und rein ins echte Leben, in das Hier und Jetzt.

Später lasse ich „Ich will es richtig machen“ und „Ich kann es nicht wissen“ wirken. Ich nehme mir Zeit, koche einen Tee und ziehe mich auf den Balkon zurück. Mittlerweile habe ich wieder zu mir zurückgefunden. Diese beiden Sätze sind der Knackpunkt. Ich lasse sie auf mich wirken und fühle, was es zu fühlen gibt – im Bauch, in den Beinen, in den Schultern. Vor allem im Bauch diesmal. Ich in der Welt, meine Verantwortung… Und dann entsteht plötzlich Klarheit. Ich weiß, was ich tun werde und welche Verantwortung ich mit einem guten Gefühl tragen kann und will.

Mittlerweile ist eine Handreichung von der Berliner Senatsverwaltung zum Umgang mit Erkältungskrankheiten in meinem Mailpostfach gelandet (alles richtig gemacht…). Sie kommt ein paar Tage zu spät und hätte mir viel Aufwand erspart. Ich bin dennoch ein bisschen irritiert. Ging es nicht neulich noch viel um Kinder, die mit leichten oder fehlenden Symptomen die Viren verbreiten? Ich sehe und verstehe die hinter der Handreichung stehenden Intentionen. Aber ein komisches Gefühl bleibt. Regeln sind von Menschen gemacht und auch diese neuen Regeln werden nur auf Zeit und unter bestimmten Voraussetzungen gelten. Es wird immer wieder für mich darauf ankommen, eine Lösung zu finden, die stimmig ist. Das jedenfalls ist sicher.

portrait Kristina Schramm

Kristina Schramm
Mutter, Lehrerin, Familienberaterin
Vermittlungsteam von Empathie macht Schule

Titelphoto von privat