21.05.2020 | klemens roethig

Über die schwierige Balance, sich selbst wichtig, aber nicht alles persönlich zu nehmen

Im März haben wir begonnen, als Familie gemeinsam Marvel Filme zu schauen. Da ich alle 23 bereits kenne, war es vielleicht auch mit der Hoffnung verbunden, nach dem letzten Teil der Reihe wieder zur Normalität zurückkehren zu können. Neulich in Doctor Strange, Teil 14, sagt die Älteste des Kamar-Taj Ordens beim Abschied zu ihrem ungeduldigen und ehrgeizigen Schüler: „Stephen, es geht nicht um dich!“ Das hatte ihm früher bereits seine Freundin versucht zu erklären, aber er hatte es nicht verstanden.

Etwas an dem Satz hatte mir gefallen. Er klang eindringlich und überhaupt nicht abweisend. Im Nachhinein hat mich das gewundert, denn etwas, was ich in Empathie macht Schule unbedingt vermitteln möchte, ist, dass es in Beziehungen sehr wohl um Einzelne und deren Art, im Moment da zu sein, geht. Was stimmt nun: Geht es um mich oder geht es nicht um mich?

Die Antwort, die ich mir in den folgenden Tagen gegeben habe, sieht so aus: Es ist auf jeden Fall sinnvoll, im eigenen Leben wach, anwesend und präsent zu sein. Es ist gut zu merken, worüber man traurig oder wofür man dankbar ist oder was man gerade braucht. Bei all dem geht es sehr wohl um mich. Und all das ist gesund und sogar eine Art Fundament für gute Beziehungen.

Aber es gibt auch Momente, wo ich mich im Kreis drehe. Um eine Frage, einen Zweifel, ein Gekränktsein. Oft ist es dann so: Je mehr ich versuche, das loszuwerden, desto hartnäckiger kehren meine Gedanken und Gefühle dahin zurück. Dann geht es zwar um mich, aber für etwas anderes ist kaum Platz. Und dann kann die Beziehung darunter leiden. Denn wie Jesper Juul und Helle Jensen schreiben: „Je persönlicher man das Verhalten anderer Menschen nimmt, desto weniger kann man von den anderen sehen.“

Und manchmal geht beides auf einmal. Mich selbst wichtig nehmen, da, wo es um mich geht. Und etwas nicht persönlich nehmen, wo es halt nicht um mich geht. Wenn ich zum Beispiel einen Streit der Kinder schlichten konnte (dabei geht es nicht um mich), weil ich ruhig und anwesend da war (dabei geht es um mich). Vielleicht hatte ich mich an eine kleine Übung erinnert, bevor ich in das Zimmer ging? Den Atem beobachten, die Füße spüren oder meine Stimmung wahrnehmen. Es hört sich wie ein Paradox an: Es ist gut, sich etwas mit sich selbst zu beschäftigen, damit man sich mit den anderen beschäftigen kann…

Im Alltag ist das schwierig. In Marvel-Filmen nicht. Stephen Strange hört im Handumdrehen auf, alles nur auf sich selbst zu beziehen und kann plötzlich verstehen, was ihm seine Lehrmeisterin erklären will und wofür sie seine Hilfe will. Er erledigt dann den Bösen und braucht für seine Heldentat nicht mal Anerkennung von den anderen. Wow! Vielleicht ist für uns nichtfiktionale Charaktere auch die Abwechslung eine Lösung. Mal geht es um mich. Und mal um die anderen. Und dann wieder um mich. Und dann…

portrait Klemens Röthig

Klemens Röthig
Familienberater und Pädagoge
Vermittlungsteam von Empathie macht Schule

Titelphoto von Peter Griffin, Public Domain


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