27.08.2020 | mona kino

„Was wir sagen, wenn wir sprechen…“

Gestern in meinem Wagen, auf dem Weg zur Arbeit. Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern einer Grundschule will mit ihren Lehrerinnen die Straße überqueren. Ich halte an. Vor vielen Jahren habe ich die Straßenverkehrsregeln in British Columbia kennengelernt, wo an allen Straßen, an denen keine Ampeln den Verkehr regeln, Fußgängerinnen und Fußgänger „Vorfahrt“. Sogar auf vierspurigen Straßen halten die Autos dort an. Seither halte ich auch in Deutschland immer an, wenn jemand über die Straße will.

Da sagte eine der Lehrerinnen: „Los, beeilt euch, der Wagen hält an.“ Folgsam taten die Kinder, was ihnen gesagt wurde. Und ich dachte mit einem Mal: Das ist doch wirklich eine verrückte Gesellschaft, in der Autos, oder deren Fahrerinnen und Fahrern mehr Achtung im Straßenverkehr zukommt, als den Kindern – und denen, die mit ihnen leben und/oder arbeiten. Dass sie fast dankbar sein müssen, wenn die Autos anhalten – und sich deshalb beeilen sollten. Was wird aus Menschen, die diese Sätze ständig hören? Und welche Art von Mensch würde sich entwicklen, wenn es normal wäre, dass nicht das Auto, sondern er oder sie „Vorfahrt“ hat? 

Als ich zu Hause ankam, erinnerte ich mich an eine Studie, die besagt, dass Kinder alle 3 bis 9 Minuten zurechtgewiesen, beschimpft und bestraft werden – beim Einkaufen sogar noch öfter. Und all das hat einen Einfluss auf das Selbstgefühl und den Selbstwert der Kinder. Dabei ist der Lerneffekt von dauerndem Schimpfen und Zurechtweisen selten positiv und belastet die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen. Die Erwachsenen wiederum plagt danach oft ein schlechtes Gewissen – und ein Gefühl von Hilflosigkeit und Scham. Als Mutter, die häufig mit ihren Kindern im Supermarkt war, weiß ich, wovon ich spreche. 

Ein Schritt, der mir half, mehr darauf zu achten, was ich sage, wenn ich spreche, war nicht zuletzt obiges Foto, dass ich einmal auf dem Flur einer Grundschule entdeckte. Eine 6. Klasse hatte ein Englisch Projekt vor deren Klassenraum ausgestellt. „Before you speak, think.“ Denn alles, was wir sagen, ist wie Dünger. Düngen wir den Garten mit Gehorsam und Angst, werden sich diese beiden entwickeln. Düngen wir ihn mit Freundlichkeit und Verantwortung, dann wird sich Freundlichkeit und Verantwortung entwickeln. Und ich dachte: Wissen tun wir es, wir vermitteln es sogar, nur selbst danach handeln, das vergessen wir Erwachsenen meistens.

Übrigens war es anfangs ein bisschen gespenstisch für uns Berlinerinnen, wie Autofahrerinnen und Autofahrer in Vancouver so ganz ohne Fluchen, Hupen, oder mit dem Gaspedal Ungeduld signalisierend, gewartet haben, bis wir sicher alle vier Füße auf dem andern Gehweg hatten. Den Entspannungseffekt, den das auf uns als Fußgängerinnen ausmachte, kann ich heute noch spüren. Allein dafür lohnt es sich für mich, hier in Berlin auch ohne dass dies die Straßenverkehrsordnung vorgibt, anzuhalten. Auch wenn die hinter mir hupen und fluchen und das Gaspedal sprechen lassen. 

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Mona Kino
Drehbuchautorin, Familientherapeutin und Supervisorin
Vermittlungs- und Presseteam bei Empathie macht Schule

Titelphoto von privat