12.07.2021 | mona kino

Wie die eigene Geschichte in der Arbeit präsent ist

Vor einiger Zeit habe ich einen Online Workshop mit einem pädagogischen Team durchgeführt. Ich hatte schon zwei Mal mit ihnen gearbeitet und war gespannt, auf ihre Rückmeldungen zum letzten Modul. Das Team berichtete, dass die Anregungen aus den Modulen hilfreich für die Zusammenarbeit mit den meisten Kindern waren. Nur mit einem Kind, da kamen sie nicht weiter. Die Erwachsenen wussten, dass es schwere Erlebnisse zu verarbeiten hat. In der Notbetreuung wurden ihm aus diesem Grund große Freiräume zugestanden. Allerdings äußerten sich die Erzieherinnen missmutig darüber, dass ihnen das Kind trotz der Zugeständnisse und Sonderbehandlung keinen Respekt entgegenbringe und weiterhin sehr herausforderndes Verhalten an den Tag lege.

Ich habe mit ihnen darüber gesprochen, dass ein Kind auf diese Weise ausdrückt, wie bislang mit ihm umgegangen wurde. Sein „Nein“ wurde oft übergangen, seine Würde verletzt. Traumatisierte Kinder leben in einem Schneckenhaus und man muss sehr viel häufiger bei ihnen anklopfen, als bei anderen Kindern, bis sie den Kopf wieder herausstrecken und „Hallo!“ sagen. Die Mühe oder die Herausforderung für Erwachsene liegt darin, dass sie viel Geduld brauchen und oft nicht die gewünschte Reaktion bekommen. Dass sie wieder und wieder kommen müssen, um das, was andere zerstört haben, Schritt für Schritt wieder aufzubauen. Denn bis traumatisierte Kinder „Dankeschön“ sagen können, dauert es meistens um einiges länger. Oft sagen sie es gar nicht. Oder wenn, dann viele Jahre später.

Auf meinem Abendspaziergang wurde mir bewusst, wie sehr ich mich während des Workshops angestrengt hatte, damit meine eigenen Erlebnisse und die damit verbundenen Gefühle meinen Unterricht nicht stören. Beim Laufen und Reflektieren spürte ich, wie Ärger in mir auftauchte; denn auch ich selbst war für Erzieher und Lehreinnen ein „herausforderndes“ Kind gewesen. Ich wurde, seit ich drei Jahre alt war, in der Hotelsaison von April bis Oktober, in der meine Eltern beruflich sehr eingespannt waren, in einem Kinderheim untergebracht. Wenn ich dort mittags nach dem Abschied von meiner Mutter den Pfannkuchen, der mir vielleicht als Trost hingestellt wurde, ablehnte, weil mir mein Kummer noch den Hals zuschnürte, dann sagten die Erzieherinnen: „Dir kann man aber auch gar nichts recht machen.“ Es gab viele Situationen, in denen meine Not nicht gesehen wurde – und mit der Zeit wurde ich „die, bei der Hopfen und Malz verloren ist“. Das Narrativ des „schwierigen“ Mädchens, dass ich so gut kenne, inklusive all der alten Bilder war bei mir zu Besuch.

Mir geben Momente wie der, den ich oben beschrieben habe, immer wieder Impulse, die Erfahrungen, die mich als kleines Kind geprägt haben, ein Stück mehr zu verarbeiten und zu integrieren. Das gelingt mir beim Spazierengehen in der Natur und in Gesprächen mit guten Freunden und Freundinnen. Und aus diesem neuerlichen Erleben kann ich anderen Erwachsenen dann die Perspektive eines Kindes anbieten, so wie ich sie erlebt habe, und ihnen möglicherweise zu mehr Verständnis und Empathie verhelfen.

Auch wenn mir während des Workshops kein bewusster Zugang zu der Erinnerung und den damit verbundenen Gefühlen möglich war, mag ich gerne, dass meine Geschichte, meine damit verbundenen Gefühle auf fruchtbare Weise in meine Arbeit einfließt. Und so kann ich heute als Erwachsene erkennen, dass die Erzieher und Erzieherinnen für das Kind genauso fruchtbar sein möchten wie ich für sie – und dass sie missmutig reagieren, wie ich auch, wenn ihnen das nicht gelingt.

Mona Kino
Drehbuchautorin, Familientherapeutin und Supervisorin
Vermittlungs- und Presseteam bei Empathie macht Schule

Titelphoto: privat.


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