11.05.2020 | corinna simpson

Wie Gespräche mit Kindern gelingen

In den letzten Wochen hatte ich viele Gespräche mit Kindern. In Online-Familienberatungen wünschten sich Kinder „ihre eigene Sitzung“ mit mir. Andere wiederum hatten sowieso einen Termin für eine kinesiologische Beratung. Die Herausforderung für mich lag darin, mir – auch wenn ich eigentlich einen Auftrag zur Behandlung hatte – Zeit mit dem Kind zu lassen, den Druck von außen und meine Erwartungen loszulassen. Vielleicht ähnlich, wie die Lehrer es erleben, wenn sie Aufgaben an die Schüler herausgeben, um den Lehrplan zu erfüllen.

Die Kinder haben erzählt, wie sie sich fühlen mit der Situation, mit den Eltern, mit den Schularbeiten, mit dem Corona-Virus. Und ich war da, ohne etwas zu wollen oder zu erwarten. Sie durften erzählen, worüber sie wollten, sie durften mich fragen, was sie wollten. Das habe ich nicht gesagt, aber mit dieser Einstellung bin ich in das Gespräch: Es ist Deine Zeit!

Meiner Erfahrung nach ist es immer gut, nicht mit Fragen, sondern mit Aussagen zu beginnen. So persönlich und so ehrlich wie möglich etwas über mich zu sagen, über meine Gefühle, meine Wahrnehmungen, meine Gedanken, und das auch zu meinen. Das ist der beste Weg, mit Kindern ins Gespräch zu kommen!

Zu einem Jungen, nennen wir ihn Fritz, sage ich bei unserem ersten Online-Treffen: „Sonst kommst Du immer zu mir in die Praxis, jetzt bin ich sozusagen mit in Deinem Zimmer. Danke, dass ich bei Dir zu Besuch sein kann! Ich sehe hinter Dir Pokale, von denen ich gar nichts weiß, ich bin neugierig!“ Fritz springt vom Stuhl auf und zeigt mir voller Stolz seine Anglerpokale – wir unterhalten uns über Hobbies, auch meine.

Dann kann ich fragen: „Wie fühlst Du Dich?“ Manche Kinder antworten sofort. Ein Junge sagt: „Mein Vater sagt ich bin zu dick geworden.“ Ein anderer sagt, „Ich wusste gar nicht, das alle Menschen hier so nett sind! Es ist viel schöner als sonst!“ Fritz jedoch fragt zurück: „Mit Dir, mit mir oder mit meinen Eltern?“ Wenn ich unsicher bin, kann ich das sagen: „Ich will gern von allem etwas wissen, aber ich bin nicht sicher, worüber Du sprechen möchtest.“

Man kann darauf vertrauen, dass Kinder sehr gern und sehr genau von sich erzählen. Um Ihnen zu helfen, sich persönlich auszudrücken, versuche ich, ihre Gefühle zu bestätigen oder Worte für ihre Gefühle zur Verfügung zu stellen, sozusagen zu leihen. Dabei kommt es nicht darauf an, dass ich 100% richtig liege, sondern so nah wie möglich an deren Wirklichkeit herankomme. Die Kinder rücken das dann schon ins richtige Licht..

Ich: „Du bist bisher fast jeden Nachmittag bei Oma gewesen und wenn ich von Dir höre, dass Du das jetzt nicht tun kannst, muss das traurig für dich sein.“

Fritz: „Neeee, das ist nicht schlimm, ich ruf Oma dann an. Aber weißt Du: Wütend macht mich, dass Mama einfach nicht bei mir anklopft. Oma lässt mich in Ruhe.“

Ich: „Mama will immer was und unterbricht Dich.“

Fritz: „Jaaa.“

Ich: „Das ist ärgerlich“

Fritz: „Das macht mich stinksauer!“

Einige Kinder haben erzählt, dass sie es genießen, ihre Eltern zu erleben, wie sie sie sonst nicht erleben: direkt vor der Arbeit, mit Unlust, aufgeregt oder direkt nach der Arbeit: ärgerlich, frustriert, zufrieden und währenddessen: abgelenkt – „Papa ist auch voll unkonzentriert! Aber ich soll das sein!“

Von anderen Kindern habe ich erfahren, dass der persönliche Kontakt mit den Lehrern hilfreich ist. Mit persönlich meine ich in diesem Fall, dass es den Lehrern gelungen ist, mit den Kindern in Beziehung zu bleiben und dabei persönlich etwas zu geben: Telefonate oder Briefe, in denen die Lehrer ihr Interesse an dem einzelnen Schüler kundgetan haben und vielleicht sogar von sich selbst berichtet haben. Oder wenn sie wissen wollten, ob eine Idee auch für die Schüler schön ist und sie Lust darauf hätten.

Die Mitteilung „Ich bin da – egal, was ist, und ich erwarte nichts“ ist die größte Einladung. Und wenn die Gespräche über das Erleben und Fühlen in dieser Zeit und das Erleben zwischen uns möglich war, wenn es mir gelungen war, alles Müssen in den Hintergrund treten zu lassen, dann war sogar immer noch genug Zeit da, um dennoch zu arbeiten: leicht, fokussiert – und wir haben sogar viel geschafft!

portrait corinna simpson

Corinna Simpson
Kinesiologin, Montessori-Pädagogin und Familientherapeutin
Vermittlungsteam von Empathie macht Schule

Titelphoto „Tennisball“ von privat


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